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Rechtsanwalt Markus Kompa
Blog zum Medienrecht


4. November 2009

Wikipedia: Kommt der große Fork?

Der CCC-Mann Frank Rieger hat in der aktuellen Wikipedia-Debatte nun vorgeschlagen, die Wikipedia aufzuspalten in eine Version für (sinngemäß) Fundamentalisten, nicht ausgelastete Studienräte und Telefonhörerdesinfizierer, die allesamt Spaß an Löschdiskussionen mit der spanischen Inquisition haben, sowie in eine entspanntere Version für Menschen, die nach sinnvollen Informationen suchen oder diese teilen wollen. Nun hatte es ja in den letzten Jahren einige “forks” gegeben, die es jedoch nicht einmal auf Sektengröße gebracht haben. Nun wird eine Spaltung des Bestehenden angedacht, ein Gebiet, auf dem wir Deutschen sowohl auf religiösem als auch geopolitischem Gebiet historische Referenzen vorweisen können! Und diese Spaltung soll geordnet unter dem gemeinsamen Dach der Wikimedia ablaufen!

Geringe Realisierungschance

So vernünftig dieser Vorschlag klingt, so sind die Realisierungschancen eher gering, denn bei den die Wikipedia dominierenden Hardlinern, die sich dem Löschen verpflichtet fühlen, scheint es ein generelles Toleranzproblem zu geben, was “Konkurrenz” im eigenen Haus mit einschließen dürfte. Mit Recht werden die Fundamentalisten befürchten, dass sie auf lange Sicht unter ihresgleichen bleiben werden, während die an dumpfen Diskussionen mit fachfremden Regelkundlern uninteressierten Experten und die anderen coolen Leute zum neuen Flügel mit dem nützlichen Wissen abwandern werden. Wie jede Organisation werden daher auch die Löschfanatiker zum Selbsterhalt streben.

Eigentliches Problem: Unterirdische Diskussionskultur

Das eigentliche Problem liegt aber meines Erachtens weniger in einer weiten oder engen Fassung der Regeln, denn Regeln müssen in der einen oder anderen Weise dennoch ausgelegt werden. Die Auslegung jedoch, die Verfahren und vor allem die Streitkompetenz der Admins sind meiner Auffassung nach die eigentliche Ursache, welche die Wikipedia lähmt. Die Admins sind ehrenamtlich tätig, können Streiten nur begrenzt Zeit widmen und verfügen über keine Ausbildung in der Handhabung von geistigen Auseinandersetzungen, juristischen Streiten oder pädagogischen Herangehensweisen. Aufgrund der Hilflosigkeit versuchen es Admins häufig mit unangemessen autoritärem Auftreten und der vorschnellen Verhängung von Sperren, was für erwachsene Autoren mit einem Minimum an Selbstachtung ein klares Exit-Signal bedeutet.

Lösungsvorschlag: Professionelle Mediatoren

Wäre es nicht ein sinnvoller Ansatz für den relativ vermögenden Wikimedia-Verein, professionelle Mediatoren anzustellen, die Streitereien distanziert analysieren, ggf. Sachverständige zuziehen und mit den Parteien auf Augenhöhe reden? Die Löschfanatikern, die eher an Karrikaturen erinnern, gelegentlich mal offline ein Feed Back geben oder sinnvolleren Aufgaben zuführen? Glaubenskriegern, die sich in bestimmten Artikeln verschanzt haben, freundlich auf die Finger klopfen – und zwar auch dann, wenn es sich um “verdiente Wikipedianer” handelt?

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27. Oktober 2009

Udo Vetter ./. Judge Dredd

Der geschätzte Kollege Udo Vetter vom lawblog gehört wie fefe zu den Top Ten der deutschen Blogosphäre und hat in selbiger für das Image des Berufsstandes des Rechtsanwalts mehr Verdienste erworben als alle Kollegen zusammen. Und so kam endlich einmal jemand auf den Gedanken, dem verdienten Blogger ein Denkmal in der Wikipedia zu setzen. Natürlich ließ ein Löschantrag nicht lange auf sich warten.

Und wer hat diesen Löschantrag gestellt? Ein äußerst sympathischer Zeitgenosse namens Marcus Cyron, der mir durch seine durchgehend sehr gewählte Ausdrucksweise in Erinnung geblieben ist. Hier seine Begründung:

“Ich habe mir das Gestümpere jetzt 20 Minuten angesehen, als der Pseudoartikel immer um minimale Ergänzungen wuchs.”

Dieser Mensch war früher übrigens mal Admin, was ihm mächtig zu Kopf gestiegen war. Er masste sich polizeimäßige Kompetenzen an, wie sie mir eher von Judge Dredd bekannt gewesen waren, sowie einen Ton, den ich mal als “suboptimal” charakterisieren möchte. Als ich noch in der Wikipedia verkehrte, fiel es mir als Akademiker sehr schwer, mich von jemandem maßregeln lassen zu müssen, dessen Sensibilität, Einfühlungsvermögen und sprachliche Grazie besagter Fantays-Figur entsprach. Irgendwann hatte jemand ein Einsehen, vermutlich er selbst, und diese eklatante Fehlbesetzung wurde korrigiert. Doch scheint der Zeitgenosse in der Wikipedia sein 2nd Life gefunden zu haben und ist wohl so gut vernetzt, dass man ihm so einiges durchgehen lässt, was bei weniger gleichen Usern zu einer sofortigen Sperre führen würde. Mit einiger Sicherheit steht er auch in guter Beziehung zum Hamburger Wikipedia-Stammtisch. Letzteres ersetzte seinerzeit auch die Notwendigkeit sachlicher Auseinandersetzung, denn in der Politik kommt es nur darauf an, die richtigen Leute zu kennen und Macht zu koordinieren.

Mehr davon, wenn hier die ersten Folgen meines tragikkomischen Monumental-Epos “Der Kompa und das liebe Phi” erschienen sind …

Wie es aussieht, konnten die Guardian Angles des Kollegen Udo Vetter seinen Wikipedia-Eintrag gegen Judge Dredd verteidigen. Es lohnt sich halt, Freunde in der Unterwelt zu haben … ;-) Die Wikipedia bräuchte weniger Richter und Vollstrecker, sondern mehr Anwälte.

“Die Sitzung ist geschlossen.”

Update: So und so diskutiert der freundliche Herr Cyron in obiger Angelegenheit. That’s Wikipedia!

Und was ist das eigentlich für eine Form der “Qualitätssicherung”, wenn die Meinung solcher Gestalten als “relevant” gewertet wird?

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26. Oktober 2009

Die Wikipedia igelt sich ein

Heute erschien auf Telepolis meine Glosse zu den aktuellen Vorgängen der Wikipedia. Sehr gefreut habe ich mich über das Kompliment von fefe (was über 200.000 Hits bescheren dürfte) und eine Email eines von mir sehr geschätzten Publizisten.

In dem Wikinger-Fachblatt “Kurier” weist ein Autor darauf hin, dass die Wikipedia Bestandteil von Web2.0 sei. Um zu zeigen, wie man mit seinem Gegenüber auf Augenhöhe diskutiert, geht er gleich mit gutem Beispiel voran:

Begriffe wie „Willkür“, „Blockwarte“, „Adminpedia“ und „Löschnazis“ sind sicherlich primär der Tatsache geschuldet, dass auf beiden Seiten genug Idioten mitdiskutieren …

“Idioten” – wenn ich sowas in der Wikipedia gesagt hätte, dann wäre stante pede eine Sperre verhängt worden – ohne Diskussion. Das vulgärste, was mir mal entfleucht ist, war “Neurotiker” im Bezug auf hochneurotisches (oder heuchlerisch-ignorantes) Handeln.

Im Rahmen eines aktuellen Rechtsstreits wegen einer Rufmord-Sache haben mir die Brüder und Schwestern der Adminpedia gestern indirekt mit dem Streisand-Effekt gedroht, wollen “Ruhe in die Sache bringen” und weigern sich, einen privilegierten User wegen einer knallharten Verleumdung anzugehen! Liebe Admins, glaubt ihr wirklich, dass ich ein Interesse an Ruhe in euerm Laden haben könnte? Publicity ist mir im Gegenteil hochwillkommen!!! “Controverse you can’t buy!” pflegt ein weltbekannter Mandant von mir stets zu sagen. Also, ihr Wikinger, soll ich erst zurücksperren und euch die Domain kappen lassen, oder kapiert ihr auch so, dass der Admin-Corpsgeist außerhalb eurer Wikiwelt keine Bedeutung hat und nicht über dem Recht steht? Fortsetzung folgt!

Und demnächst startet hier eine Serie: “Der Kompa und das liebe Phi”! :P

Und in ein paar Wochen unterhalten wir uns nochmal über den Streisand-Effekt …

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13. Juni 2009

Die unwissende Müllhalde Wikipedia und ihre sympathischen Bewohner

Die Idee, das Wissen der Menschheit kommerzfrei zusammen zu tragen und es durch Nutzung von Schwarmintelligenz kollektiv zu evaluieren, hat im Prinzip einen großen Charme.

Klein-Phi macht auch Mist

Die Stärke dieses scheinbar basisdemokratischen Projekts ist jedoch gleichzeitig seine Schwäche: die “Benutzer” mit ihren unterschiedlichen Kenntnisständen, Ansichten und methodische (Un)Fähigkeiten. Zudem erweist sich die Wikipedia als anfällig für missionierende Neurotiker, die das Medium als Selbstzweck begreifen und die Wiki-Community als eine Art “Second live” betrachten. Es dürfte kaum überraschen, dass viele der meistens anonymen Wiki-Helden im “First Life” nicht viel zu melden haben.

Solche notorischen Besserwisser, die Glaubensbekenntnisse mit Wissenschaft verwechseln, können unheimlich nerven, was ernst zu nehmende Autoren entweder vergrault, oder bei vorhandenem Temperament zu Grabenkämpfen und (angeblich) persönlicher Auseinandersetzung nötigt. Sachfragen oder Kompetenz spielen bei Wiki-typischen Konflikten eine untergeordnete bis gar keine Rolle. Um Wahrheitsfindung geht es übrigens schon thematisch nicht, denn es soll nur das, was ca. 7000 überwiegend anonyme Wikinger für Wissen halten (“Google”), dokumentiert werden – ansonsten sei es “Theoriefindung”.

Erfahrene Wiki-Krieger heucheln einen “Neutral Point of View (NPOV)”, den es zu ehren gelte – wobei es einen solchen neutralen Standpunkt gar nicht gibt. Die gruppendynamischen Phänomene im Wikipedia-Experiment erinnern frappierend an Orwells Farm der Tiere: Zur Durchsetzung von Meinungen oder Zensur des Anderen wird wie im konventionellen Politsumpf konspiriert: Man “überzeugt” nicht durch Argumente, sondern durch Aufdringlichkeit und die Anzahl von Unterstützern. Und wer in der Wikipedia keine Freunde hat, der generiert halt Fakes, sogenannte Sockenpuppen, die seiner Meinung “beipflichten”.

Adminpedia

Wie in anderen Irrenanstalten auch gibt es Aufseher: 300 Admins heucheln, sie seien “normale” Benutzer, die lediglich ein paar Rechte mehr hätten, ermahnen ihre Mitmenschen, von guten Absichten der anderen Insassen auszugehen usw. Wie die Realität aussieht, hat die Stupidipedia amüsant zusammengetragen. Manche sind eben “gleicher”. Wie tragisch solche Karrieren enden und wie arrogant die Admins sogar miteinander umgehen, entnimmt man der Liste der gestrauchelten Admins und den dort verlinkten Begründungen.

Wer die Abgründe der Wiki-Wichtigtuer ernsthaft ergründen will, ist mit Günter Schulers Wikipedia-Inside (2007) bestens bedient. Was Schuler über die “Admin Mafia” zu sagen hat, gibt zu denken. Die Reaktionen belegen, dass die Wikinger mit Kritik nicht wirklich souverän umgehen können. Dies ist fragwürdig, wenn man einem Projekt arbeitet, das von vielen als “Leitmedium” gesehen wird, Google partiell dominiert und vielfach von konventionellen Medien adaptiert wird.

Wikipediastraf”recht”

Der Streit um Inhalte ist eine Sache. Der um Menschen eine andere. Admins dürfen stante pede einzelne Benutzer sperren, wenn sie glauben, diese hätten einen mit dem Admin befreundeten Nutzer beleidigt (was bei sachlicher Wortwahl häufig Ansichtssache ist). Und wenn sich der gesperrte Nutzer auf seiner Benutzerseite rechtfertigen will, wird dessen Benutzerseite zur Strafe komplett zensiert und der Nutzer unbegrenzt gesperrt. Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit ist im Wiki-Universum unbekannt. Früher hatte man Bücher und Menschen noch verbrennen müssen, um sie zuverlässig zu zensieren und zu entmündigen.

Die Macht des kleinen Mannes scheint Admins häufig zu Kopf zu steigen und zu nahezu sadistischer Arroganz zu stimulieren. Ein Geschmäckle bekommt das Kindertheater, wenn sich herausstellt, dass manche Admins mit den Parteien befreundet und damit befangen sind, was sich besonders leicht durch Abgleich der Anwesenheitslisten mit Wikipedia-Stammtischen feststellen lässt. Während in der Justiz jedermann einen Anspruch auf rechtliches Gehör hat, dem Angeklagten das “letzte Wort” zusteht und Strafen nur als ultima ratio eingesetzt, gelten in der Subkultur der Wikipedia rustikalere Maßstäbe: Erst hängen, dann diskutieren – wobei sich der Betreffende wegen Sperrung nicht zur Wehr setzen kann.

Brain Drain

Die Karawane der Benutzer, die ihre Mitarbeit beendet haben, wird täglich länger.

Gründer Jimmy Wales im April 2009:

“Ich versuche, mehr Akademiker zum Schreiben zu animieren, um die Qualität zu verbessern”.

Da soll er mal suchen.

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