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Rechtsanwalt Markus Kompa – Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, Köln
Blog zum Medienrecht


31. August 2015

Schmutzige Tricks

Vor zehn Jahren erschien meine erste größere Publikation. Ein Jahr lang hatte ich alles Mögliche zum Thema „Falschspiel“ recherchiert. Mich interessierten Betrugstechniken, die Kulturgeschichte des Falschspiels sowie Biographien von interessanten Falschspielern und Falschspielexperten. Das Thema war deshalb spannend, weil in deutscher Sprache seit den 70er Jahren nichts mehr dazu erschienen war. Bei der Recherche half mir der emeritierte Leiter des Bayrischen Glücksspieldezernats Peps Zoller, der u.a. einen Kontakt zu Steve Forte (Las Vegas) vermittelte, der unangefochtenen Autorität auf diesem Gebiet. Außerdem öffneten Sammler von historischer Fachliteratur usw. ihre Archive wie etwa Volker Huber (das ist der Kunstverleger, der die Pflichtexemplar-Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts herbeiführte).

Den Schwerpunkt bildete eine Biographie des legendären Falschspielexperten John Scarne. Scarne, eigentlich Giovanni Scarneccia, schrieb über Glücksspiele etliche Büchler. Sein letztes Buch war ein politisches: Er behauptete, es gäbe keine Mafia, das sei nur eine Verschwörungstheorie. Allerdings gehörte er zweiffelos dazu, fungierte etwa als Sicherheitschef im Habana Hilton während der Kubanischen Revolution. Im Oscar-prämierten Film The Sting doubelte Scarne die Hände von Paul Newman, unter dem Tisch sitzend.

Fachliche Expertise steuerte auch der Zauberkünstler Jörg Alexander bei. Für Humor im Doppelheft sorgten u.a. meine Kollegen von den „Zauderern“, die damals einen bekannten Act als Mafia-Magier spielten. Einer der drei Zauderer, Sascha Grammel, ist heute Deutschlands wohl gefragtester Bauchredner. Das Doppelheft selbst gestalteten wir vom Cover bis zum Impressum kriminell. Das Projekt hatte großen Spaß gemacht, das Heft ist heute ein begehrtes Sammlerstück.

Ich selbst spiele übrigens nicht einmal ehrlich, habe aber Spaß an schmutzigen Tricks. 😉

19. August 2015

Deutschland 83 – historischer Politthriller auf RTL


Seit acht Jahren befasse ich mich mit der geheimnisvollen Geschichte von ABLE ARCHER 1983, als die Welt aufgrund Reagans Säbelrasselns und der Nervosität des KGB einem versehentlich geführten Atomkrieg näher war als während der Kuba-Krise. Zu dem Thema habe ich mehrfach geschrieben und mich ausgiebig mit Zeitzeugen wie NATO-Spion Rainer Rupp und Rotarmist Stanislaw Petrow unterhalten.

Diesen Herbst nun wird zu ABLE ARCHER von RTL die von Nico Hoffmann produzierte achtteilige Serie „Deutschland 83“ ausgestrahlt, die im Juni bereits im US-TV lief. Die handelnden Personen sind von historischen Ereignissen vage inspiriert, in konkreto aber fiktiv. Held der Geschichte ist ein NVA-Soldat, der vom MfS zu einem Einsatz als Undercover-Agent in der Bundeswehr gepresst wird. Dabei soll er als Adjutant eines Bundeswehrgenerals die Wahrheit über das Manöver ABLE ARCHER herausfinden, das vom KGB für eine Tarnung eines überraschenden atomaren Erstschlags gehalten wird. Bei seinem Einsatz verführt er eine Sekretärin und dann die Tochter des Generals, zudem schließt er Freundschaft mit deren schwulem Bruder, der wiederum gegen den Vater rebelliert und in den Linksterrorismus abgleitet. Die Familien der Protagonisten in Westdeutschland und der DDR werden jeweils in den Ost-West-Konflikt hineingezogen.

Ich habe mir die Produktion inzwischen angesehen. Die Serie ist in jedem Fall sehenswert und spannend.

Ein großes Verdienst der Produktion ist die Thematisierung der dramatischen, jedoch hochgeheimen Wochen von 1983 auf der Unterhaltungsebene gegenüber einem breiten Publikum. Die fiktive Geschichte ist spannend, birgt viel Zeitkolorit und Lebensgefühl der 80er Jahre und naturgemäß jede Menge Musik aus dieser für den Pop wohl fruchtbarsten Epoche. Es macht Spaß, die damaligen Ereignisse wie etwa die Kundgebung im Bonner Hofgarten oder Udo Lindenbergs Osttournee Revue passieren zu lassen. Auch zeigt die Serie das zynische Spiel der Geheimdienste mit Menschen, die einander verraten, verraten werden und seelisch zugrunde gehen.

Von einem Dokudrama ist die Serie allerdings weit entfernt, sondern bedient eher Bedürfnisse des RTL-Publikums, dem mitunter sehr unglaubhafte Regie-Einfälle zugemutet werden. Die NATO-Übung „Able Archer“ hingegen war kein Kammerspiel einer Hand voll Generäle, sondern eine weltweite, gigantische Übung, bei der unter Funkstille über 19.000 Soldaten eingeflogen wurden und bei der sogar erstmals Staatschefs wie Kohl und Thatcher mitwirkten und vieles noch heute der Geheimhaltung unterliegt.

Die Drehbuchautoren von Deutschland 83 haben dem ostdeutschen Hauptcharakter, einem Spion wider Willen, eine sympathische Rolle zugebilligt, den Agenten des Ostens jedoch die Rollen karikaturhafter Bösewichter zugewiesen. Die Darstellung der Stasi ist bestenfalls Slapstick und überflüssig klischeehaft. Anders als als der fiktive Spionagechef „Fuchs“, der die Paranoia eines heimlichen Erstschlags bedient und mitaufbauscht, hatte Markus Wolf seinem Doppelagent Rainer Rupp vertraut und die Übung zutreffend als solche interpretiert und dies dem KGB so dargestellt. Rupp wird nur insoweit erwähnt, als dass man einen trotteligen Stasi-Dechiffrierer seinen Nachnamen lieh.

Demgegenüber ist das vermittelte USA-Bild erstaunlich unkritisch bis verklärt. Anders, als es die Serie andeutet, waren Reagan und den seinen erstmals Anfang 1984 Zweifel an der Führbarkeit und Gewinnbarkeit von Atomkriegen gekommen – nachdem der Schauspieler den noch weitaus zu optimistisch gehaltenen Film „The Day After“ gesehen hatte. Die NATO war 1983 alles andere als vernünftig, sondern beteiligte sich an fatalen Signalen, die leicht den von Kennedy so gefürchteten „Atomkrieg aus Versehen“ hätten auslösen können.

So gelungen die Serie als Fiktion sein mag, so glaube ich, dass die Realität als Vorlage eigentlich spannend genug gewesen wäre und kaum weniger Drama bietet. Die wohl bitterste Wendung ist die, dass das Landgericht Düsseldorf NATO-Spion Rupp, der seinen Beitrag zur Abwendung eines Atomkriegs leistete, zum Dank dafür in den Knast steckte. Wäre die Sache schiefgegangen, hätte es statt dem Landgericht Düsseldorf nur ein nuklear verseuchtes Ruinenfeld gegeben.

13. August 2015

Päckchen für den US-Botschafter


 

Botschaft der Vereinigten Staaten in Berlin

Ambassador John B. Emerson

Pariser Platz 2, 10117 Berlin

 

Dear John,

after I learned of this incident, I decided to write to you. Enclosed in this envelope you will find an opened tube of toothpaste with the elmex brand. I would kindly ask you to send them to the inmate Chelsea Manning, who is seated currently in your so-free country like 2% of his compatriots.

Please note that this tube elmex toothpaste is durable at least 30 months. The date of filling can be found in the number sequence on the embossed seam mark, it is in this case, „5063“, which means: Made in 2015, 6th calendar week, Wednesday. To avoid that the expiration date is exceeded by negligence, I have specially sent you an opened, only half-full tube. I will then send in a few weeks once a tube for Mrs Manning and so on.

I put increased emphasis that Mrs Manning has in the 33 years still have good teeth, because I intend to organize a big party for Mrs Manning in 2048. I would like to host Mrs Manning with local specialties that require more healthy teeth, as that is the case in your McDonald’s restaurants.

I am grateful for your support in advance. If you are anywhere near, please feel free to drop by.

Sincerely Yours

Markus

11. August 2015

Der Mann, der die Welt rettete


Am Wochenende hat arte anlässlich des 70. Jahrestags des Atombombenabwurfs auf Hiroshima die Doku „The Man Who Saved the World“ über Stanislaw Petrow gezeigt, die aktuell noch in der Mediathek zu sehen ist. 1983 hatte er im Raketenkontrollzentrum in Serpukow die Nerven bewahrt, als die Satellitenüberwachung fünf anfliegende Nuklearrakten meldete. Die Beinahe-Katastrophe ereignete sich auf dem absoluten Tiefpunkt der Beziehung zwischen den Supermächten und wird selbst von konservativen westlichen Militärhistorikern als gefährlicher als die Kuba-Krise eingeschätzt, denn 1983 musste die Entscheidung zum – möglicherweise versehentlichen – Gegenschlag in wenigen Minuten getroffen werden.

Einige Zeit darauf hatten übrigens die Sowjets ihr Doomsday-Device fertig, das für den Fall, dass einen Erstschlag kein russischer Kommandant überleben würde, automatisch die Vergeltung gestartet hätte. Dann hätte auch ein Stanislaw Petrow den nuklearen Wahnsinn nicht aufhalten können.

Vor sechs Jahren schloss ich auf ungewöhnliche Weise persönliche Freundschaft mit Stanislaw Petrow. Ich hatte zuvor über ihn berichtet und spielte unter der Regie des Theater-Kollektiv Rimini Protokoll für das Landesschauspielhaus Düsseldorf und das Berliner Hebbel-Theater mit ihm politisches Theater. Der gelernte Ingenieur hatte übrigens großen Spaß an meinen Zaubetricks und assistierte sogar, als ich unsere isländische Kollegin schweben ließ. Die Aufzeichnung kann man noch heute ansehen. Ironischerweise begriffen viele Zuschauer in gar nicht, dass wir uns selbst spielten. 🙂

Ich habe ihm in jeder Vorstellung aufs neue die gläserne Weltkugel überreicht, die ihm ein Verein der Weltbürger einmal als Preis verliehen hatte. Wir fanden damals auch Zeit, ausführlich über die Vorfälle des September 1983 zu sprechen. Damals in den 1980ern hatten wir beide Schiss vor einem Dritten Weltkrieg. Was gibt es schöneres, als wenn aus Feinden Freunde werden?

2. August 2015

Katalogstraftaten nach § 100a StPO öffnen die elektronische Waffenkammer


Geheimdienste sind keine Strafverfolgungsbehörden, sondern sammeln Informationen. Der Verfassungsschutz ist allerdings in seinem Auftrag nach § 3 VerfassungsschutzG beschränkt und darf nicht nach Belieben rumspionieren. Gegen jemand, der pro forma des Landesverrats verdächtig ist, sieht das schon anders aus. Landesverrat (§ 94 StGB) gehört nämlich zu den Katalogstraftaten des § 100a StPO. Und das eröffnet (auch ohne Vorratsdatenspeicherung) etwa den kooperierenden Strafverfolgungsbehörden die elektronische Waffenkammer.

Wenn dann demnächst noch die Vorratsdatenspeicherung dazu kommt, haben wir den gläsernen Menschen. Was die SPD-Selbstlüge „VDS machen wir ja nur für schwerste Straftaten“ in der Praxis meint, dürfte nun klar sein. Gespeichert wird ohnehin verdachtsunabhängig über alle. Und wenn die Daten nun einmal da sind, werden sie auch benutzt, und sei es mit juristischen Taschenspielertricks.