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Rechtsanwalt Markus Kompa – Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, Köln
Blog zum Medienrecht


Politik wikistyle

Mit Spannung und eigenem digitalen Redefluss (Twitter und Telepolis) hatte ich am Wochenende die Bewerbungen beim Aufstellungsparteitag der NRW-Piraten in Münster verfolgt.

Einige Faktoren der erfolgreichen Kandidaten erinnerten ein bisschen an die Wikipedia-Comunity: Lange Projektzugehörigkeit, Offline-Bekanntschaften und gegenseitiges Unterstützen von Kandidaten. Letzteres wurde im Piraten-Wiki für jedermann transparent gemacht, so dass man nicht wirklich von „Klüngeln“ sprechen kann. Schädlich konnte eine lange Projektzugehörigkeit dann werden, wenn man sich 2010 hatte aufstellen lassen, dann aber in den vergangenen Jahren sich nicht mehr an der Basis blicken ließ. Ohne Socialising nix Partei.

Interessant ist übrigens, dass einige über Twitter geäußerte Wahlempfehlungen bekannterer bzw. mitteilungsfreudigerer Piraten wenig bis gar nichts brachten, vielleicht sogar Misstrauen säten. Piraten lassen sich nun einmal ungern reinreden. Schließlich will man ja gerade nicht, dass eine Elite Inzest betreibt und Vorstände die Listen schon servierfertig ausgearbeitet haben. That’s Basisdemokratie, stupid!

Das realistische Bewerberfeld engte sich bereits durch die Eigenvorstellung im Piratenwiki und dem dortigen Kandidatengrillen ein. Während der Kandidatenvorstellung mag es Laien im Saal als ruhig erscheinen, akustische Zwischenrufe sind selten. Tatsächlich aber tobt unsichtbar paralell zur Rede des Bewerbers auf Twitter mitunter sogar ein ganzer Shitstorm. Dank Live-Streaming kann jedermann zusehen und sich in die Debatte twittern, die der Redner witzigerweise als einziger nicht verfolgen kann.

Wie man in die Gunst der Piraten kommt, ist schwierig zu sagen. Die Wikipedia-Regel „Sei kein Idiot“ scheint hilfreich zu sein. Die wichtigsten anderen „Nogos“ kann ich vielleicht aufzählen:

Einige Bewerber demonstrierten, dass sie den Codes der Piraten noch sehr fern standen. Das Tragen einer Krawatte erweckt in dieser Partei reflexartig Misstrauen, das nur schwer wieder zu korrigieren ist. Sich anbiedern durch Verkleiden mit einem Piraten-Kostüm führt bestenfalls zu Mitleid. Überhaupt dürften textile Argumente eine eher untergeordnete Rolle gespielt haben. Auch Gender-„Argumente“ führte eher zu Augenrollen. Instinktlos ist insbesondere das Spammen mit Papier-Flyern, den Praten kommunizieren vorzugsweise digital und interaktiv.

Während Piraten Persönlichkeiten schätzen, so möchten sie sich offenbar nicht in Privatkriege verstricken lassen. Wer mit eigenen Themen ankam, hatte es schwer, in drei Minuten hiervon zu überzeugen. Politische Erfahrung etwa aus früherer Parteizugehörigkeit wird grundsätzlich geschätzt, wobei offenbar alle im demokratischen Spektrum vertretene Parteien akzeptiert werden. Aber überbewerten sollte man dieses Argument nicht. Insbesondere mögen Piraten keine Trittbrettfahrer; das Kapern ist Sache der Piraten, nicht umgekehrt.

Demagogisch angehauchte Reden, die an gewisse Berufspolitiker erinnerten, rissen niemanden vom Hocker. Eine Bewerberin fiel unangenehm durch Populismus auf, den man ihr vorhielt. Beim nächsten Wahlgang sprach sie die Kritik auch noch an und wollte die Kritiker kritisieren, was einem Harakiri gleichkam, denn Kritik ist den Piraten nun einmal heilig. Wenn etwa Bewerber nach ihrer Vorstellung qua GO-Antrag vom Saal aus befragt wurden, ist es keine gute Idee, die Kritiker zu beschimpfen. Selbst, wenn man das bessere Argument hätte, so verliert man wohl Sympathiepunkte. Die Basis erwartet wohl eine gewisse Demut … 😉

Als kandidaturschädlich erwiesen sich anscheinend bewusst gelassene Lücken im Lebenslauf. Ein unglücklicher Bewerber hatte das Verschweigen seiner vorherigen (offenbar im Unfrieden beendeten) Zugehörigkeit zur Linkspartei damit gerechtfertigt, man könne ihn ja Googeln. Selbstverständlich aber hatten die Piraten genau das getan …

Das wichtigste Argument erfolgreicher Bewerber aber war neben dem Minimum an „Stallgeruch“ die nachhaltige inhaltliche Auseinandersetzung mit Piratenthemen, die etwa dem einzig als solchem gewählten Spitzenkandidat den Zutritt auf das Piratenschiff ermöglichte.

Was die Piraten von der Wikipedia unterscheidet, ist der Verzicht auf mächtige, selbstherrliche Admins. Die Versammlungsleiter bekommen ihre Kompetenzen jeweils von den Piraten geliehen und sind einer definierten Geschäftsordnung verpflichtet. Gesperrt, gelöscht und zensiert wird auf Parteitagen nicht. Vertrollen lassen sich Piraten trotzdem nicht. Bei der Wikipedia hingegen hat man bekanntlich sogar die Trolle zu Admins gemacht … 😛

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Autor:
admin
Date:
26. März 2012 um 17:05
Category:
Allgemein,Internet,Medienmanipulation,Meinungsfreiheit
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