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Rechtsanwalt Markus Kompa – Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, Köln
Blog zum Medienrecht


Rücktritte bei Wikimedia e.V.


Am Sonntag hat die bislang 2. Vorsitzende des aufgrund Spenden millionenschweren Vereins „Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e. V.“, Frau Alice Wiegand, überraschend das Handtuch geworfen. Gerade einmal vor vier Monaten war sie in ihrem Amt bestätigt worden.

Da ein solcher Absprung dem Volke irgendwie erklärt werden muss, verband sie das wohl Notwendige mit dem politisch Opportunen und „begründete“ ihren Schritt, in dem sie einem unbequemen Kritiker einen Schwarzen Peter anheftete: Sie behauptete, am „Schweigen des Schatzmeisters“ gescheitert zu sein, der das „vertrauensvollste Amt“ inne habe. Huch?

Um das Verhältnis der Wikimedia-Spitze zum neugewählten Schatzmeister zu verstehen, sollte man wissen, dass

  • der vormalige Schatzmeister unter einer albernen, nach Vorwand klingenden Behauptung den Wikimedia-Kahn unauffällig verließ, und sich auch dessen Stellvertreterin aus irgendeinem Grunde nicht mehr zur Wiederwahl stellte,
  • der Vorstand als Nachfolger einen schillernden Wunschkandidaten ausersehen hatte, der seine Kandidatur jedoch nach einem Skandälchen zurückzog,
  • stattdessen ein kurzfristig aufgestellter Kandidat aus der Kritiker-Fraktion zum Zuge kam.

Der 2010 aus dem Nichts aufgetauchte und sofort zum Kassenprüfer gewählte Schatzmeister-Wunschkandidat für 2011 war seinerzeit trotz fehlendem Wiki-Stallgeruch auch in die „AG Verantwortungsstruktur“ gewählt worden. In dieser Hinter dem Rücken auch dieser eigentlich zuständigen AG wurde letztes Jahr ohne Wissen der Vereinsmitglieder die ominöse gGmbH installiert, deren Existenz man auch dem als kritisch bekannten Ausschussmitlied Frau Martina Nolte anfangs verheimlichte. Die übergange Frau Nolte trat damals unter Protest zurück und machte die Pläne öffentlich, was zum Eklat führte. Als der umtriebige Unternehmer nun Anfang 2011 auch für das sensible Amt des Schatzmeisters kandidierte, wurde er jedoch mit Enthüllungen über sein Geschäftsleben im Dunstkreis von schwerlich solide zu nennenden Firmen konfrontiert – und zog diskret die Notbremse.

Der derzeit amtierende Schatzmeister scheint dem etablierten Vorstand wohl etwas unbequem zu sein – wo doch angeblich alles so schrecklich transparent ist, keiner etwas zu verbergen hat. Was der Schatzmeister der 2. Vorsitzenden verheimlicht haben könnte, bleibt unerfindlich.

In den letzten Tagen kam es zu einem Eklat, als der 1. Vorsitzende sich in einem Arbeitswiki eigenmächtig Leserechte anmaßte, in dem ein Gremium über ein Projektbudget von 200.000,- Euro beriet. Die Spionagebemühungen führten zum Rücktritt der entrüsteten Vorsitzenden dieses Gremiums, immerhin Frau Anneke Wolf, jahrelang gestählt am für seine bodenlose Intriganz bekannten Wikipedia-Stammtisch Hamburg.

Nun hat auch die 2. Vorsitzende Frau Wiegand von ihrem „Recht, zu gehen“ Gebrauch gemacht, so dass der von ihr protegierte, jedoch weitgehend glücklos agierende 1. Vorsitzende nun alleine mit den Kohlen im Feuer hantieren darf. Die Lücke wird vom Beisitzer Michail Jungierek, Kampfname „Finanzer“, geschlossen.

Ein weiterer Beisitzer verkündete am Montag Abend unter Ausstoß eines Fäkalausdrucks seinen Austritt: Wikimedia-Urgestein Achim Raschka, dem die Community unzählige Artikel zu meist biologischen Themen verdankt, unter anderem den legendären Vulva-Beitrag. Raschka war u.a. wegen seiner Arbeit beim Nova-Institut, das sich schmeichelhafter Behandlung in der Wikipedia erfreute, in die Kritik geraten.

Falls also auch Jungierek und weitere Beisitzer vorzeitig ziehen sollten, warten die Wikis mit einem Beisitzer als Nachrücker auf, der es in sich hat: Dem langjährigen BILD-Redakteur Attila Albert, zuständig bei BILD für UFOs und andere Spökenkiekerei, der sogar Einstein vor einem Monat „widerlegte“. Mahlzeit!

In der ohnehin zerstrittenen Wikimedia-Community gärt es: Olaf Simons, der seinerzeit einen Misstrauensantrag gegen den Vorstand initiiert hatte, stellt unbequeme Fragen zu angeblich wirtschaftlichen Interessen des 1. Vorsitzenden, was jedoch von Getreuen als böswilliges Streuen von Gerüchten identifiziert wird. Die vormalige Community-Beauftragte des Vereins, Frau Henriette Fiebig, die kürzlich ihr Amt ohne nähere Begründung ebenfalls verließ, kommentiert bemerkenswert selbstkritisch. Der vormalige Häuptling Kurt Jansson begleicht alte Rechnungen, während andere erkennen, dass die Vereins-Kommunikationskultur im DDR-Stil nicht so recht zur Wikipedia-Idee passen mag.

Frau Wiegand hat sich bei ihrem Abgang jedenfalls als echte Wikipedianerin gezeigt: Der Versuch, den amtierenden Schatzmeister persönlich zu beschädigen, entspricht dem in der Wiki-Community üblichen Schema, Sachfragen zu personalisieren und den Gegner zu dämonisieren.

Siehe auch: Chronologie der Fakten

UPDATE: Der Kollege Feldmann hat in seiner Eigenschaft als Datenschutzbeauftrager von Wikimedia e.V. zur „Spionageaffäre“ Stellung genommen und geht im Prinzip von einem Einverständnis der Betroffenen aus, dass ihre Mails mitgelesen werden. Selbst, wenn es nicht so wäre, so müsste doch eigentlich jeder gestandene Wikipedant wissen, das nahezu JEDE „vertrauliche“ Mail in diesen Kreisen etwa per BCC durchgestochen wird. Oder hat da jemand andere Erfahrungen gesammelt?

UPDATE: Die taz hat das Thema aufgegriffen. Die Wiki-Medien wie Blog und Kurier schweigen eisern.

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Autor:
admin
Date:
19. Juli 2011 um 10:13
Category:
Allgemein,Internet,Medienrecht
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