Ich möchte den Fall Tauss nicht strafrechtlich kommentieren, sehr wohl aber die Rezeption in den Medien.
Die Süddeutsche Zeitung will beim Plädoyer ein “süffisanten Lächeln” erkannt haben – eine “Information”, die Hass erzeugen muss. Welches Mienenspiel der SZ besser gefallen bzw. sie für normal hält und wie sich der Journalist an der Stelle von Tauss während des Plädoyers verhalten hätte, verrät der dpa-gestützte Beitrag leider nicht. Auch ein “erleichtertes Augenzwinkern” will die SZ beobachtet haben. Woher weiß die SZ eigentlich so genau, was im Inneren von Tauss so vorgeht?
Der SPIEGEL hat sich diesmal an die Anstandsregeln gehalten und erspart uns nun den Hinweis, dass die Staatsanwältin blond sei. Auch die FAZ bleibt sachlich, ebenso BILD, der FOCUS und der stern mit einer AFP-Meldung.
Das Springer-Schmierblatt DIE WELT hingegen muss noch einen draufsetzen und erwähnt, der Richter habe mal über einen Priester urteilen müssen, der wegen Vergewaltigung geistig behinderter Frauen angeklagt war. Selten habe ich einen derart plumpen Spin gelesen. Als ob ein Beklagter Einfluss auf die früheren Verfahren seines Richters hätte. Als ob der Besitz von irgendwelchen Heftchen, so widerlich diese auch sein mögen, mit schweren Sexualdelikten an Schutzbefohlenen zu vergleichen wäre. Die ebenfalls von der WELT verbreitete ddp-Meldung vom 22.05.10, die tatsächlich Sachbezug hatte, war offenbar keiner Erwähnung wert.
UPDATE: fefe hat eine interessante Äußerung der Staatsanbwaltschaft gebloggt, die dem SWR nennenswert erschien:
Tauss hatte vor Gericht argumentiert, er habe mit dem Erwerb der Kinderpornos nachweisen wollen, dass sich die Verbreitungswege solcher Materialien vom Internet auf das Handy verlagert haben. Die Reaktion der Staatsanwältin darauf gestern: “Um nachzuweisen, was er nachweisen wollte, waren seine Fallzahlen aber viel zu gering”.
Er hätte also noch mehr sammeln sollen …?!? Nachdem sie schon bei der Anklage stundenlang Details zelebriert hatte?
UPDATE: Der SPIEGEL kann es anscheinend doch nicht lassen, am Spin zu doktorn. Wie fefe gerade aufgefallen ist, haben die Zerrspiegler das offenbar als zu positive Bild gegen eines ersetzt, auf dem Tauss aussieht wie ein Panzerknacker.
UPDATE: Jetzt versagt die SZ endgültig: Sie behauptet ohne nähere Quellenangabe, dass die Piratenpartei nach dem – nicht rechtskäftigen – Urteil in die Wüste schickt. Das liest sich bei heise aber ein bisschen anders.
UPDATE: Das Blog “Ruhrbarone” erschien mir schon mehrfach als überbewertet. Das hat sich durch diesen reaktionären Rülpser wohl eher nicht geändert.
UPDATE: In der gedruckten Ausgabe der Süddeutschen Zeitung sind Bericht und Kommentar über das Urteil in Ordnung. Anscheinend wird nur die Online-Ausgabe von Praktikanten betreut. Von dem Boulevard-Gestammel und der offensichtlich haltlosen Behauptung, die Piraten hätten nun mit Tauss gebrochen, findet sich in der gedruckten SZ kein Wort.
Linksammlung zum Tauss-Urteil « Nerdination
[...] Markus Kompa: http://www.kanzleikompa.de/2010/05/28/suffisantes-lacheln/ [...]
#1 Pingback vom 28. Mai 2010 um 16:15
Nochmal Tauss | zschach.net::blog
[...] absehbar, dass Tauss nicht mit einem blauen Auge davon kommt. Markus Kompa fasst den Pressespiegel hier dazu gut [...]
#2 Pingback vom 28. Mai 2010 um 20:44
QuerBlog.de » Beitrag » Bloß keine falsche Meinung äußern
[...] Grenzen für die Öffentlichkeitsarbeit von Staatsanwaltschaften!» «Tauss geht in Revision» «“süffisantes Lächeln”» «Nochmal [...]
#3 Pingback vom 29. Mai 2010 um 01:48
Schmierenjournalismus [2. Update] : Burks' Blog
[...] Update: Medienschau von Markus Kompa, lesenswert. Unterstreicht die Überschrift dieses Postings. Mai 28, 2010 | [...]
#4 Pingback vom 29. Mai 2010 um 12:20
Sebastians Weblog » Archiv » Tauss verurteilt
[...] empfehlen: Zum einen hat fefe ein schöne Sammlung an Links zusammengetragen, zum anderen hat RA Markus Kompa die „medienwirksame Berichterstattung“ kommentiert, nicht etwa das Urteil an sich. Beide treffen meiner Meinung nach ganz genau den Punkt. Sie [...]
#5 Pingback vom 29. Mai 2010 um 12:58
NerdyRoom™ » Tauss – Mediale Hetze zur Vorverurteilung war gestern
[...] jetzt gar nicht einzeln erörtern – fefe hat ein paar gute pointer denen mann folgen kann (der hier zum Beispiel). Aber am krassesten fand ich den Artikel der “Ruhrbarone” – [...]
#6 Pingback vom 31. Mai 2010 um 22:18