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Rechtsanwalt Markus Kompa – Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht, Köln
Blog zum Medienrecht


Animal Farm Reloaded – Der Kompa und das liebe Phi (1)

Folge 1: Wie das Wikipedia-Drama begann …

Die heute startende Serie soll ein obskures Wikipedia-Abenteuer dokumentieren und demonstrieren, wie man mit totalitären Systemen fertig wird.

„Are you ready to cooperate?“ – „No.“

Strategem 30: Die Rolle des Gastes in die des Gastgebers umkehren

Ein früherer Mandant von mir war seinerzeit wegen Ausübung seiner Meinungsfreiheit in den StaSi-Knast gesteckt worden. Man versuchte, ihn zur kontrollieren, indem man ihm für den Fall unbotmäßigen Verhaltens den Hofgang strich. Der Mann tat das einzig Richtige: Er verzichtete sofort auf den Hofgang! (Damit schoss sich die StaSi ein Eigentor, denn genau in der Zeit pflegte man heimlich die Zellen zu durchsuchen, was in diesem Fall natürlich nicht mehr ging!) Auch den Nachtisch ließ er demonstrativ stehen. Er trat zwar nicht in den Hungerstreik, aber er setzte sich im Waschraum nackt auf den Boden und weigerte sich, aufzustehen. Der Wärter erkannte schließlich, dass er in Erklärungsnöte geraten könnte, wenn sich sein Gefangener auf dem kalten Boden eine Erkältung oder so zuziehen könnte und ließ mit sich handeln.

-> Selbst im StaSi-Knast hat man Möglichkeiten, totalitären Systemen Selbstachtung zu demonstrieren.

Diese Strategie, dem Gegner sein Druckmittel zu nehmen, machte ich mir zu eigen, als ich in Konflikt mit einer totalitär organisierten Gesellschaft mit einem subversiven Beziehungsgeflecht geriet: der deutschen Wikipedia!

Ich hatte vor vier Jahren anfangs nur einen unkritischen kulturhistorischen Themenbereich in der Wikipedia betreut, dort Unkraut gejätet und war insoweit definitiv als Fachmann anerkannt. Es gab nicht den geringsten Admin-Kontakt – abgesehen davon, wenn man mich eigens konsultierte, um zu meinem Thema meine fachliche Meinung zu hören. Und ich verwendete meinen Klarnamen, da ich zu meinen Edits stehe.

Dann hantierte ich beim schöngeschriebenen Eintrag eines bestimmten Finanzvertriebes und lieferte die Struktur des heute unter „Finanzvertrieb“ geparkten Artikels. Beide kosteten sehr viel Zeit und wurden nur begrenzt von Admins gegen PR-Brigaden verteidigt, denen ich dann irgendwann auch das Feld überließ. (Meine Wadenbeißer „Livani“ und „7Pinguine“ sind heute nicht mehr auf Sendung, so dass ich wohl nicht der einzige bin, der mit diesen liebenswerten Zeitgenossen eine Meinungsverschiedenheit hatte.) Auch hier gab es keine wirklichen Admin-Probleme. Der ursprünglich von mir zu diesem Thema mitbearbeitete Beitrag war übrigens Kriegsschauplatz des bis dahin umfangreichsten Edit-Wars gewesen und schaffte es seinerzeit sogar in den SPIEGEL, als der Wiki-Scaner die Schönschreiber entlarvte. Das waren noch starke Zeiten! Auch diesen Artikel, der von „Ein-Themen-Accounts“ angefeindet wurde, überließ ich dann irgendwann dem freien Spiel der Kräfte. Ach ja, es gibt ein paar andere Interessenten, die ich auf Anfrage zu Finanzvertrieben berate: Die heißen „Stiftung Warentest“, WDR, ZDF, diverse Printjournalisten … Und ich habe mit dem Kollegen Behrens das Handelsvertreter-Blog.de aufgezogen, das die Branche das Fürchten lehrt.

Strategem 28: Auf das Dach locken, um dann die Leiter wegzuziehen

Bei Recherchen entdeckte ich Ende 2007 zufällig einen Artikel zu einem polithistorischen Thema, der sich definitiv in einem – sagen wir mal ganz diplomatisch – „unqualifizierten Zustand“ befand. Hierzu in einer späteren Folge dieses Epos mehr. Der Artikel wurde von einem Benutzer verteidigt, den ich damals für einen gleichberechtigten Benutzer hielt. Und dem Benutzer wurden Admins gefällig, die ich für normale Admins hielt. Ich saß ahnungslos in der Falle.

Strategem 3: Mit dem Messer eines anderen töten

In Wirklichkeit hatten sich meine Gegner konspirative verschworen: Durch die Bank weg handelte es sich um Herrschaften des Hamburger Wikipedia-Stammtisches, die ein Kartell bildeten. Ebenso wenig wie Franz Kafka hatte ich von Anfang an auch nur die allergeringste Chance, mit Sachargumenten durchzudringen. Doch dies alles war mir damals unbekannt gewesen.

Die geringste Schärfe im Ton konnte als angeblicher „persönlicher Angriff“ gewertet werden, etwa die das Absprechen jeglicher Kompetenz auf einem bestimmten Gebiet, was allerdings nachweislich der Fall gewesen war. Umgekehrt durfte man sich mir und meinen Mitstreitern jede Demütigung herausnehmen und die Regeln wissenschaftlicher Arbeitsweise sowie die Wikipedia-Regeln nach Belieben ignorieren. Mein Gegner und seine Schergen waren sakrosankt. Wie gesagt, die Zusammenhänge hinter den Kulissen und der Admin-Corpsgeist waren mir unbekannt, auch wenn mir schon damals einige überflüssig abschätzige Kommentare von Admins merkwürdig temperamentvoll vorkamen. Manche sind halt gleicher.

Als man statt zu argumentieren, mir mit Sperren drohte und diese auch willkürlich praktizierte, tat ich das einzig Richtige: Ich nahm ihnen ihr Druckmittel und beantragte selbst, mich zu sperren. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits beschlossen, nie wieder in der Wikipedia tätig zu werden. Vorher hinterließ ich den Herrschaften noch eine kleine Satire auf meiner Benutzer-Seite, die offensichtlich ins Mark traf. Sie wurde gelöscht und sogar aus den Archiven getilgt, jedoch als Herrschaftswissen im Giftschrank der Admin-Kaste aufbewahrt.

Strategem 1:Den Kaiser täuschen und das Meer überqueren

Zwar hatte ich mich dem Herrschaftssystem der Wikipedia entzogen, doch konnte ich von außen hineinfunken und ein paar Satiren für Zensoren unerreichbar im Web2.0 unterbringen, die meinen Peinigern nicht verborgen bleiben konnten. Nachdem erkannt worden war, dass ich außerhalb der Wikipedia mächtiger sein würde, als innerhalb dieses Systems, vermittelte telefonisch ein bekannter Wiki-Funktionär den Kompromiss: Man begrenzte meine Sperre auf drei Monate, und ich sagte zu, was ich ohnehin schon beschlossen hatte: ich würde nie wieder kontroverse Websites editieren, da für meine Begriffe dort zu viele Neurotiker verkehrten und die Lebenszeit nun einmal begrenzt ist.

Daran hatte ich mich gehalten, die polemischen Spitzen aus dem Internet-Exil entfernt und ausschließlich in meinem ursprünglichen Thema gearbeitet, nach wie vor ohne jede Beanstandung oder sonstigen Admin-Kontakt. Abgesehen von den Hamburgern war mein Vorstrafenregister sauber.

Das ging ein Jahr gut. Die problematischen Beiträge sah ich mir bewusst nicht mehr an, um mich nicht über den Neurotiker und seine Handlanger aufzuregen. Sollten die Ignoranten doch ruhig unter ihresgleichen bleiben. Sie waren meiner Beachtung nicht wert. Zu meinem kontroversen Thema veröffentlichte ich in einem politischen Internetmagazin, und wer googlen kann, der würde meine Informationen schon finden. Wer sich mit Wikipedia als verlässliche Quelle begnügt, ist schließlich selber Schuld.

Strategem 23: Sich mit dem fernen Feind verbünden.

Dann aber bat mich im Juni 2009 ein Benutzer und vormaliger Kampfgefährte gegen unseren Widersacher, ihm in einer „Problem mit …“-Diskussion argumentativ beizustehen. Hier fiel in einem absolut sachlichen Beitrag über das neurotische Treiben der Hamburger Nervensäge der Begriff „Neurotiker“, der prompt zu einer Sperre führte und meinen endgültigen Abschied vom Narrenschiff Wikipedia markierte. Denn ich hatte inzwischen das Spielchen mit der Clique durchschaut und den Intelligenztest bestanden, meine Freizeit mit produktiveren Dingen als der Wikipedia zu verbringen.

Vulgärer als „Neurotiker“ war ich nie geworden.

Strategem 16: Will man etwas fangen, muss man es zuerst loslassen

In meinem Hauptberuf verdiene ich 120,- Euro/Stunde, in meinem künstlerischen Nebenberuf sogar ein Vielfaches davon und selbst meine schriftstellerischen Tätigkeiten werden finanziell honoriert. Wie komme ich denn dazu, einer Internetenzyklopädie kostenfrei akademisch professionell recherchierte Inhalte zu schenken, um mich dann als Dank dafür mit fachfremden, neurotischen Ignoranten prügeln zu müssen, die maximal Zugriff auf Google haben?

Nun operiere ich wieder außerhalb des Systems und bin wieder unkontrollierbar und frei – und damit mächtiger als jeder Admin!

Nächste Folge: „Das friedfertige Phi

Remember, remember, the fifth of November!

« Buskeismus.de nunmehr zitierfähig – Recht am eigenen Penis-Bild? »

Autor:
admin
Date:
28. Oktober 2009 um 10:29
Category:
Allgemein
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4 Comments

  1. rauskuckers Blog

    Kompas Kompass…

    Ich lese das Blog von Markus Kompa schon länger. Immer fundierte, oft kurz, würzig und witzig geschriebe Artikel zu medienrechtlichen Themen, also zu Themen, die eigentlich Jeden interessieren, der das Internet nutzt. Nach einem soeben erlebten Lachk…

    #1 Trackback vom 07. Dezember 2009 um 22:36

  2. Animal Farm Reloaded – Der Kompa und das liebe Phi (5) » Rechtsanwalt Markus Kompa

    […] mächtigster Gegner, der sich jahrelang hinter dem Wikipedia-Kampfnamen “Phi” verbarg, wurde nun […]

    #2 Pingback vom 21. September 2011 um 11:40

  3. Animal Farm Reloaded – Der Kompa und das liebe Phi (3) » Rechtsanwalt Markus Kompa

    […] Folge 1: Wie das Wikipedia-Drama begann … […]

    #3 Pingback vom 21. September 2011 um 12:50

  4. Animal Farm Reloaded – Der Kompa und das liebe Phi (2) » Rechtsanwalt Markus Kompa

    […] Folge 1: Wie das Wikipedia-Drama begann… […]

    #4 Pingback vom 21. September 2011 um 12:53

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